Die Kunst des Atems (Schrot & Korn) (Juli 2011)
Die Kunst des Atmens
Der Atem ist ein Spiegel unserer körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung. Wer sich seinem Atem bewusst zuwendet, kann ihn für sich als Quelle von Kraft und Wohlbefinden entdecken.
Acht Menschen sitzen auf Stühlen im Kreis und atmen. Hinter den meisten liegt ein anstrengender Arbeitstag, einige bemerken Verspannungen im Rücken, und Verwaltungsangestellte Ulla stellt fest: „Ich bin nur im Kopf.“ Atemtherapeutin Britta Jacob lädt zu einer inneren Entdeckungsreise ein: Wo spüren wir unseren Atem? Gibt uns der Körper Impulse, sich zu bewegen? Bald räkeln und dehnen sich die ersten, es wird herzhaft gegähnt und geseufzt. Einfache Bewegungsübungen, die vom Atem begleitet werden, entlasten die Muskulatur. Wir klopfen in Einzel- und Partnerübungen den ganzen Körper ab, um Spannung abzubauen. So entsteht Stück für Stück Weite: Der Atem geht tiefer, er kommt aus dem Bauch und füllt den ganzen Beckenraum. Das fühlt sich wohlig an und gibt Kraft. Die Wirbelsäule kann sich ohne Anstrengung aufrichten. Auf einigen Gesichtern erscheint ein zufriedenes Lächeln.
Viele Redewendungen drücken aus, wie stark unsere Gedanken und Gefühle mit dem Atem verbunden sind: Trauer und Wut können uns die „Luft abschnüren“, bei einem Schrecken „stockt der Atem“, und bei Überforderung können wir „in Arbeit ersticken“. Ist die Belastung vorbei, „atmen wir auf“. In vielen Kulturen gilt der Atem als Tor zur Lebenskraft und Vermittler zwischen äußerer und innerer Welt. Seit mehr als 2000 Jahren werden diese Zusammenhänge erforscht, und viele verschiedene Atemlehren vermitteln, wie wir über Atemübungen unsere Befindlichkeit verbessern können. Meditations- und Entspannungspraktiken setzen beim Atem an: Wer seinen Fokus auf das Ein- und Ausatmen setzt, ist ganz im Hier und Jetzt.
Mit durchschnittlich fünfzehn Atemzügen pro Minute versorgt ein erwachsener Mensch in Ruhephasen seinen Körper mit lebenswichtigem Sauerstoff und scheidet über das Ausatmen Kohlendioxid und andere Stoffwechselendprodukte aus. Die Lunge besteht aus elastischem Gewebe, das durch die umliegenden Muskeln bewegt wird. Das Zwerchfell, das quer zwischen Bauch- und Brusthöhle liegt, senkt sich bei jedem Atemzug in den Bauchraum. Aber auch zahlreiche Muskeln der Rumpf- und Haltemuskulatur sind am Atemprozess beteiligt. Wenn sie verspannt sind, können die inneren Atem-Räume nicht voll ausgenutzt werden. Bei Babys kann man beobachten, wie der Atem wie eine Welle durch Brust, Flanken und Bauch fließt. Diese Vollatmung haben zwei Drittel der Erwachsenen verlernt. Sitzende Tätigkeit, schlechte Körperhaltung, enge Kleidung, Leistungsdruck oder zurückgehaltene Gefühle engen die Atmung auf den Brustraum ein. Dazu kommt: Wer wenig Bewegung hat, kann den Sauerstoff in der Atemluft schlechter nutzen als ein trainierter Mensch. Er muss häufiger atmen. Wer aber flach und hektisch nach Luft schnappt, läuft Gefahr, nicht mehr vollständig auszuatmen – so nimmt er mit dem neuen Atemzug viel der verbrauchten Energie wieder zu sich.
Aus dem Alltag kennt jeder die beruhigende Wirkung von tiefen, langen Atemzügen. Wer sich jedoch darauf konzentriert, eine große Menge Luft einzuatmen, verspannt sich leicht. Im Yoga liegt bei den meisten Pranayama-Atemübungen der Fokus auf dem Ausatmen. Wenn sich die Lunge gründlich leert, kann entspannt frischer Atem nachfließen. Außerdem stimuliert das Ausatmen den Parasympathikus und fährt uns so bei Hektik herunter.
„Wer mit Atemtherapie beginnt, ist oft auf der Suche nach dem `richtigen´ Atem“, hat Britta Jacob festgestellt. „Dabei hat jeder seinen eigenen Rhythmus. Der Atem eines Menschen so individuell wie sein Fingerabdruck.“ Die Hamburgerin arbeitet mit der Methode des „erfahrbaren Atems“ der bekannten Atemtherapeutin Ilse Middendorf, die das Atemgeschehen nicht willentlich beeinflussen will. Im Mittelpunkt der Selbsterfahrungs-Methode steht das Beobachten des eigenen Atems, das die Wahrnehmung für die Bedürfnisse von Körper und Seele stärken möchte. „Schon ein paar Atemübungen können helfen, sich bei Stress zu regulieren und Verspannungen abzubauen“, sagt Britta Jacob. In ihrer Atemgruppe sind einige Teilnehmer schon seit vielen Jahren dabei: Evelyn, die mit Anfang 40 wegen Burnout aus dem Lehrerberuf ausscheiden musste, erkundet mit Hilfe des Atems das Ruhebedürfnis ihres Körpers. „Früher habe ich mich bei der Arbeit völlig vergessen“, sagt sie. „Jetzt lasse ich es gar nicht mehr so weit kommen.“ Auch Klarinettist Herbert hat über die Atemarbeit gelernt, ökonomisch mit seiner Kraft umzugehen: „Ein Blasinstrument zu spielen ist ein Leistungsberuf. Hier lerne ich, wie ich durch den Atem die nötige Spannung aufbaue und den Atem nutzen kann, um zu gestalten.“
Ulla, die früher wegen ihrer Rückenbeschwerden kaum noch laufen konnte, ist die Gruppe heilig: „Ich brauche mich hier nur auf den Hocker zu setzen und zu spüren, wie der Atem durch den Körper fließt. Wenn ich mit meiner Kraftquelle im Becken verbunden bin, komme ich zur Ruhe.“ Wenn sie in ihrem stressigen Verwaltungsjob nur noch „im Kopf ist“, zieht sie sich kurz zurück, macht ein paar Dehnübungen und nimmt ein paar bewusste Atemzüge. Und wenn Leute mit Unverständnis darauf reagieren, dass sie eine Atemgruppe besucht, hat Ulla eine Antwort parat: „Am Dienstagabend gehe ich atmen, und sonst hole ich nur Luft!“
©Martina Petersen